W.L. : Du warst damals nicht in der Schule. Du warst also noch im Vorschulalter. Was haben denn die Erzieher mit euch im Vorschulalter getan? Was habt Ihr denn so alles gemacht?
Sch. : Im Hof herumgespielt haben wir, mit den Mädels geschäkert. Daran kann ich mich erinnern. Pilze haben wir gesammelt, sind im Wald wilden Katzen nachgerannt. Die ewigen Zeiten im Isolator. An die Besuche bei meiner Schwester. An systematische oder irgendwelche schulische, erzieherische, militärische oder ähnliche Ausbildung kann ich mich nicht erinnern.
W.L. : In der Sowjetunion gibt es doch ständig die Zirkel. Habt Ihr einen Zirkel gehabt?
Sch. : Wir waren doch alle nur kleine Kinder.
W.L. : Habt Ihr schon gespielt? Ball oder irgendetwas?
Sch. : Bälle hat es nicht gegeben, keine Gummibälle, aus Stoff wurden Bälle genäht.
W.L. : Was war Dein erstes wirkliches Erlebnis, an das Du Dich besonders erinnerst? Wie war das in Lesnoj Kurort während des Krieges? Neben den Besuchen Deiner Schwester, neben den Besuchen Deiner Mutter? Gab es da irgendein Ereignis? Wann wußtest Du zum ersten Mal, daß Krieg war?
Sch. : Die Tatsache, daß Krieg war, ging in unserem Bewußtsein an uns vorbei. Wir lebten wirklich ein kindliches Leben. Wir hatten auch keinen Hunger, wurden gut versorgt, zumindest kann ich mich nicht daran erinnern. Ich esse schnell, kaue geichzeitig mit beiden Zähnenseiten, lasse nichts auf dem Teller liegen, kann sein , dass die mangelnde Ernährung von damals, mich dazu gebracht hat. Möglicherweise kann man sich in diesem Alter Hunger aber auch noch nicht vorstellen. In Lesnoj-Kurort ist mir jedenfalls nicht bewußt gewesen, daß Krieg war. Der Begriff Krieg ist ja an sich schon schwierig. Man kann in diesem Alter noch nicht vergleichen und nicht unterscheiden. Es ist sicher vom Krieg gesprochen worden, aber unter diesem Begriff konnte ich mir als drei-, vier- oder fünfjähriger nichts vorstellen. Dort spürten wir auch nicht die Bedrohung durch Angst: Es gab keine Verdunklungen, keine Übungen.
An etwas erinnere ich mich im Zusammenhang mit Lesnoj Kurort an die Rückfahrt. Die Rückfahrt erfolgte im Herbst, und zwar die Wolga entlang. Die älteren Kinder fuhren schon 1943 zurück. Meine Rückkehr erfolgte dann im Oktober-November 1944 mit einem Schlepper. Wir konnten von der Landschaft nichts sehen, weil wir im Rumpf untergebracht waren. Anschließend sind wir mit der Bahn nach Moskau gefahren. Von Gorki aus sind wir zuerst mit dem Schlepper gefahren, dann, an einer Station, sind wir aus dem Schlepper ausgestiegen. Angekommen sind wir auf dem Moskauer Bahnhof.
W.L. : Weißt Du noch, auf welchem Bahnhof?
Sch. : Das mußte der Kasaner Bahnhof gewesen sein. Die Verspänderung der Ankunft war typisch für unsere Familie: Insofern kann das wesentlich sein. Es war bekannt, daß die Kinder kommen. Der Zug hatte Verspätung. Meine Mutter hat aber nicht gewartet, bis der Zug kommt, sondern ist arbeiten gegangen. Die meisten Eltern waren da, die Kinder wurden von den Eltern in Empfang genommen, nur unsere Eltern waren nicht da. Das muss mich mich sehr schockiert haben, daß wir elternlos dastanden. Auf jeden Fall muß ich Skandal gemacht haben, als ich bemerkte, daß meine Mutter nicht kommt. "Ich schmeiße mich unter den Zug!", habe ich gerufen. Die Kinderheimfrauen bauten eine Kofferbarriere auf, einen Kofferwall, und haben mich hineingesetzt, bis meine Schwester kam. Es war bei ihr angerufen worden. Meine Mutter war ja arbeiten, so ist meine Schwester gekommen, um uns abzuholen. Das ist insofern interessant, als es die Beziehungen zu Hause in unserer Familie zeigt, besonders zwischen dem Privaten und dem Beruflichen. Die Arbeit ging immer vor. Drei Jahre hatten meine Eltern uns Kinder nicht gesehen, und an dem Tag warteten sie nicht ein paar Stunden, bis die Kinder kamen, sondern gingen arbeiten. Es passiert doch nichts.
W.L. : Die Schwester holte Dich ab und brachte Dich zum Hotel Lux.
Sch. : Die Schwester holte meinen Bruder und mich ab. Sie kannte mich gut und holte mich aus dem Kofferwall heraus. Sie sagte zum Schrecken der Betreuerinnen: "Der soll sich ruhig unter den Zug werfen". Ich habe es aber nicht gemacht, es war nur ein Protest. Ich war nie ein Selbstmördertyp, bin es auch heute nicht. Dann gingen wir nach Hause ins Hotel Lux. Ich kann mich noch an den Fahrstuhl unten beim Wächter erinnern. Dort haben wir angerufen. Wahrscheinlich hat meine Schwester mit meiner Mutter gesprochen. Ich bin dann zusammen mit meiner Schwester in das Zimmer Nr. 52 gegangen.
W.L. : Was war Dein erster Eindruck von dem berühmten Hotel Lux, von dem es jetzt schon Bücher gibt?
Sch. : Der erste Eindruck waren die großen Säulen vor dem Hotel, von denen ich dann später, 1956, als ich als Student wieder nach Moskau gekommen war, enttäuscht war, weil sie gar nicht so groß waren. Einem Kind erscheinen die Säulen immer als sehr hoch vor. Weiter beeindruckte mich als Landkind - ich war ja an sich ein Landkind, hatte so viel von der Stadt nicht in Erinnerung - der Fahrstuhl, der in Gitter aufgebaut war. Er spielte in unserem Leben im Hotel eine sehr große Rolle, in ihm sind wir viel gefahren. Er war eines unserer wesentlichen Spielzeuge. Ansonsten ist das Lux eben ein Hotel mit langen Gängen und Korridoren gewesen. Das war mein erster Eindruck.
W.L. : Du erinnerst Dich noch an das Zimmer 52. War das der dritte Stock?
Sch. : Es war in der 2. Etage. Also russisch 2. Etage, deutsch erster Stock.
W.L. : Dann wohntest Du da mit Deinem Bruder, Deiner Schwester und Deinen Eltern?
Sch. : Wir wohnten dort zu fünft in einem Zimmer von 25 qm. In diesem Zimmer gab es eine Kinderecke, die Arbeitsecke meiner Schwester, die Wohn- und Schlafecke meiner Eltern und das Bad, wo wir uns wuschen und das Geschirr spülten. Weiter gab es dort eine Gemeinschaftsküche, aber sie wurde von uns selten genutzt. Wir wurden ja zentral von der zentralen Küche versorgt.
W.L. : Bist Du mit Deinen Eltern in dem berühmten Speisesaal auf der ersten Etage gewesen?
Sch. : Ich kann nicht jetzt nicht mehr erinnern. Ich erinnere mich, daß der Speisesaal halb im Keller und halb im Hof war.
W.L. : Das kann während des Krieges gewesen sein.
Sch. : Im Hof gab es ein flaches Gebäude, in dem hinten der Speisesaal lag.
W.L. : Bei Deiner Rückkehr ins Hotel Lux warst Du inzwischen schon sechs Jahre alt. Wann hast Du zum ersten Mal gehört, daß Krieg ist? Wann bist Du zum ersten Mal mit der sowjetischen politischen Realität in Berührung gekommen?
Sch. : Ich wei?ß daß ich immer nur mit Krieg, Faschismus, Hitler, Kommunismus, Kapitalismus, mit diesen Begriffen gelebt habe. Wenn ich mich jetzt genau erinnere, kann ich nicht sagen, daß mir das in Lesnoj-Kurort schon bewußt gewesen war. Ich kann mich an kein Beispiel, auch an kein Gespräch erinnern, in dem es um entsprechende Dinge gegangen wäre. Nur die Tatsache, daß meine Schwester irgendwie ärmlich lebte und ihre Freundinnen für uns sammelten, wunderte mich. Das hatten sie mit der Knappheit und mit dem Krieg erklärt. Wir empfanden das schon als ein nicht normales Ereignis: Trockenes Brot und Bonbons sammeln, wo wir es doch bisher nicht anders gekannt hatten. Aber im Hotel Lux war der Krieg das Hauptthema. Krieg und Faschismus das waren die Hauptthemen, und wir spielten auch viel Krieg. Ich kann mich daran erinnern, daß wir einmal Faschisten und Partisanen gespielt und dabei einen Jungen tödlich gehenkt haben, hieß es unter uns.
W.L. : Erinnerst Du Dich an einige der Kinder von Komintern-funktionären?
Sch. : Ja. Es waren die gleichen Kinder wie in Lesnoj-Kurort. Mein Bruder zunächst einmal, dann Karl Harms, Peter Bergmann. Das muß ein Neffe von Bergmann aus Österreich gewesen sein.
W.L. : Erinnerst Du Dich an irgendwelche Kinder anderer Kominternfunktionäre aus anderen Ländern?
Sch. : Meine Erinnerung, was die Namen von anderen Kindern betrifft, hat immer unter dem Druck meiner Schwester und meines Bruders gestanden. Sie kannten alle und das reichte aus, das war meine Welt: Mein Bruder und meine Schwester. Und ich habe immer mitgemacht, ohne die Kinder im einzelnen mit Namen zu kennen.
W.L. : Die Kinder der Funktionäre, wenn die miteinander gespielt haben, haben alle russisch miteinander gesprochen?
Sch. : Ja. Wir haben russisch miteinander gesprochen. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, daß wir zu Hause deutsch gesprochen hätten, während meine Eltern behaupteten, wir konnten deutsch.
Sch. Meine Mutter schreibt das auch in den Briefen an meinen Vater. Ich kann mich erinnern, daß ich nur drei Worte deutsch konnte: "Du", "Dummkopf" und ein weiteres, das ich vergessen habe.
W.L. : Zwischen Oktober 1944 und Mai 1945, wo ich auch im Hotel Lux lebte, waren ein- oder zweimal in der Woche diese riesigen Feuerwerke anlässlich der Siegesmeldungen. Es muß doch für ein Kind etwas Spannendes gewesen sein oder hast Du das gar nicht bemerkt?
Sch. : Diese Saljuts waren ein Hauptereignis. Ich kann mich daran erinnern, daß die Saljuts sehr häufig waren und immer häufiger und häufiger wurden. Es gab immer Saljuts bei der Einnahme einer größeren Stadt, wie mir erzählt worden ist. Und bei Kriegsende wurden immer mehr große Städte eingenommen. Es gab zum Schluß fast täglich Saljuts.
W.L. : Es gab Tage, wo es zweimal hintereinander war.
Sch. : Ich kann mich auch an die riesigen Luftballons erinnern, die meistens zu Demonstrationen hochgelassen wurden im November oder zum 1. Mai, Schutz vor Fliegerangriffe.
W.L. : Diese Luftballons wurden zu Beginn des Krieges benutzt - mit Draht behauen, um deutsche Flieger zu hindern. Aber 1944/45 gab es das ja schon nicht mehr.
Sch. : Ich kann mich an sie sehr gut erinnern, und zwar zu Massenansammlungen und Demonstrationen, am 1. Mai, am 7. November. Während der Saljuts sind wir dann gleich auf die Straße gelaufen und haben nach den Knallkörperchen gesucht. Einige funktionierten noch, mit denen haben wir dann unser eigenes Feuerwerk gemacht.
W.L. : Das wußte ich nicht. Du warst schon sieben Jahre alt, als die Siegesfeier am 9. Mai war. Erinnerst Du Dich an den Tag des Sieges in Moskau?
Sch. : Ich könnte behaupten, ich kann mich an die Siegesfeiern erinnern, erinnerte mich an die riesigen Demonstrationen von Soldaten. Demonstrationen liefen ja immer an unserem Gebäude vorbei. Wir wohnten nur etwa einen halben Kilometer vom Roten Platz entfernt, und ich könnte auch behaupten, ich hätte das Niederlegen der Fahnen gesehen. Aber wahrscheinlich ist mir das alles im Nachhinein im Bewußtsein aus dem Film und aus der Literatur. Die vielen Demonstrationen und die vielen Saljuts, die es zum Schluß tglich gab, ließen mir den Tag des Sieges nicht als einen besonderen Tag erscheinen.
W.L. : Kurz nach der Siegesfeier ist Dein Vater, Fritz Schälike, von Moskau nach Deutschland abgefahren. Wie war das? Ist er allein gefahren oder mit seiner Frau, oder erinnerst Du Dich an den Abschied, als er nun plötzlich die Sowjetunion verließ?
Sch. : Ich kann mich nicht genau an den Tag seines Abschieds erinnern. Aber ich kann mich gut erinnern, daß wir alleine waren, ohne Vater. Wir haben unseren Vater sehr geliebt. Wir hatten ein gutes Verhältnis zu ihm, sind mit ihm oft Ski gelaufen oder gewandert, und Paddelboot fuhren wir viel mit den Eltern.
W.L. : In Moskau? In der Zeit von 1944 - 1945?
Sch. : In Moskau 1944/45: Meine Eltern hatten mir sogar erzählt, daß nach ihrem Paddelboot die sowjetische Paddelbootrevolution in Gang gesetzt worden war. Es war das Musterboot, das sie damals aus Deutschland mitgebracht hatten. Sie sind schon in Deutschland viel Paddelboot gefahren. Ich kann mich noch an eine Geschichte erinnern, die mir meine Mutter erzählt hat: In den 30er Jahren durfte sie nur im Rock skifahren, dann, 1942, konnte man aber eine Trainingshose darunter haben. Der Rock mußte aber dennoch darüber getragen werden. Ich habe auch Briefe von meiner Mutter an meinen Vater. Sie beschreibt dort auch die Wanderungen mit uns. Daß mein Vater fehlte, ist uns sehr bewußt geworden. Wir haben in seiner Abwesenheit seinen Geburtstag 1945 ganz groß und mit gegenseitigen Geschenken gefeiert.
W.L. : Wann war der Geburtstag?
Sch. : Am 19. Oktober. Es ist ein schöner Brief dazu da. Meine Mutter beschreibt dort, wie wir die Vorbereitungen trafen. Ich habe einen Brief an meinen Vater geschrieben und erinnere mich auch an seine Briefe an uns. Er malte ein Auto darauf oder einen Polizisten, der den Verkehr regelt. Mein Vater kam am 30. Mai 1945 nach Deutschland und war zunächst in Dresden tätig. Er hat dort die Parteipresse aufgebaut, die Volkszeitung und einige Zeit später dann den Dietz-Verlag.
W.L. : Er ist dann zur Wallstraße gekommen, hat dort gewohnt und leitete den Verlag "Neuer Weg". Das war der Parteiverlag der KPD und später der SED. Jetzt bist Du schon in Moskau zur Schule gegangen. Wie war das? Erinnerst Du Dich noch an die Schule, die Du in Moskau besucht hast? An Deinen ersten Schultag?
Sch. : Ich bin in Moskau zweimal in die Schule gegangen oder, besser gesagt, zweimal eingeschult worden. In der Sowjetunion gibt es die Zehnklassenschule. Das Abitur, das zweite Zeugnis, das dem Abitur entspricht, erlangt man nach zehn Klassen. Die Kinder werden entsprechend ein Jahr später eingeschult, also mit sieben Jahren statt, wie in Deutschland üblich, mit sechs Jahren. Meine Eltern wollten uns deutsch erziehen. Sie wollten den Anschluß an Deutschland wieder herstellen, und sie haben mich zusammen mit meinen Bruder einschulen lassen. Mein Bruder war sieben Jahre alt, ich war sechs. Der Schuldirektor hatte nichts gegen die Einschulung, daran kann ich mich erinnern. Es gibt in den Schulen Vorgespräche zwischen Lehrern und Schülern, oder auch zwischen dem Direktor und den Schülern. Bei dem Vorgespräch mit meinem Bruder war ich dabei. Auf dem Fensterbrett stand ein Kaktus. Kakteen kannte ich nicht, ich habe mich gefreut und den Direktor gefragt: "Was ist das für eine komische Gurke mit so viel Nadeln?" - diese Frage hat dem Direktor so gut gefallen, daß er auch mich einschulte.
W.L. : In Moskau haben die Schulen Nummern. Weißt Du noch, welche Nummer Deine Schule hatte, wie sie hie? und wo sie war?
Sch. : Da muß ich in meinem Zeugnis nachsehen.
W.L. : War es weit vom Hotel Lux? Bist Du zur Schule zu Fu? gegangen?
Sch. : Wir mußten auf Wunsch unserer Eltern zu Fuß zur Schule gehen. Wir sind aber auch öfters mit dem Bus gefahren, da gab es jedes Mal Beschwerden. In der Nähe war eine Trolleybushaltestelle. Das war in Richtung Gorkiplatz, wenn ich mich recht erinnere.
W.L. : Wann bist Du eingeschult worden?
Sch. : Die erste Einschulung war 1944, aber nach etwa einer Woche oder 14 Tagen mußten sie mich wieder aus der Schule nehmen, weil ich sie als Kinderspielplatz betrachtet hatte.
W.L. : Und die zweite Einschulung war dann im September 1945?
Sch. : Die zweite, die richtige Einschulung auch dem Alter nach, war im September 1945.
W.L. : Hast Du noch irgendwelche Eindrücke aus der Moskauer Schule in Erinnerung:
Sch. : Ja. Die Eindrücke sind nachhaltig und recht genau. Wir waren eine relativ groß Klasse mit mehr als dreißig Kindern. Alle waren ärmliche Kinder, wir hatten auch wenig Schulzeug. Es gab ja nichts, alles war knapp, auch alles sehr dreckig für meine Begriffe, Dabei will ich nicht behaupten, daß im Lux oder in der ganzen Umgebung etwas im Stil der deutschen Ordentlichkeit und Gründlichkeit gewesen wäre. Ich kann mich an dunkle Zimmer und verrauchte Klosetts erinnern. Es wurde viel geraucht, russische Zigaretten. Die Kippen wurden auseinandergenommen, naß gemacht und an die Decke geworfen. Die ganze Decke klebte voll davon. Ich kann mich erinnern, daß es in der ersten Klasse einen Lehrerwechsel gab. Die erste Lehrerin war sehr lieb, zu ihr hatte ich ein gutes Verhältnis. Das Verhältnis zu der zweiten Lehrerin war schlechter. Wenn sie Eintragungen ins Schulheft machte - alle Eintragungen kamen in das Heft - mußten alle nach vorn gehen. Es war ein Jux und ein Qual.
Sch. Es war wirklich katastrophal. Ich kann mich an etwas erinnern, das vielleicht nicht konkret mit der Schule zu tun hat. Bei meiner ersten Mathematikarbeit gab ich ein leeres Blatt ab, weil ich immer angenommen hatte -und wir sind auch so erzogen worden-, daß man für sich selbst lernt. So habe ich das leere Blatt abgegeben, ohne die Lehrerin ärgern zu wollen. Ich sagte ihr, daß ich die Aufgaben kann, daß sie das nicht zu prüfen braucht, weil ich weiß, daß die Ergebnisse, die ich kenne, richtig sind. Die Lehrerin, es war die erste, war so vernünftig, darin keine Provokation zu sehen. Sie hat mir erklärt, daß auch der Lehrer wissen muß, ob ich wirklich alles verstanden habe. Ich habe dann später die Arbeit doch noch abgegeben. Ich hatte ein weiteres, psychologisch einschneidendes Erlebnis: Es muß bei der zweiten Lehrerin gewesen sein. Für unsere Bleistifte hatten wir Federtaschen, selbst genäht auf unserer deutschen Nähmaschine zu Hause. Die Bleistifte waren mit Bandgummi festgemacht. Die Lehrerin sah das Bandgummi und fragte, ob wir zu Hause nicht noch welches hätten. Meine Mutter gab uns Bandgummi für die Lehrerin mit, wir haben es ihr geschenkt. Bei der nächsten Kontrollarbeit -in Russisch beim Diktat- bei dem ich wohl sehr viele Fehler hatte, hat sie mir trotzdem eine russiche Fünf, damit eine deutsche Eins gegeben. Ich wußte, daß es bestenfalls eine drei hätte sein können. Ich war ganz schön schockiert, weil ich keinen Zusammenhang erkennen konnte. Mir war klar, daß sie Dankeschön sagen wollte für den Bandgummi. Das war mein erstes Bestechungserlebnis. Ich lehnte so etwas innerlich völlig ab und besaß bei solchen Dingen seitdem ein enormes Mißtrauen. Foertsetzung 01.03.26 W.L. : Wann und wie wurdest Du Junger Pionier? War das für Dich etwas völlig Selbstverst?ndliches oder war das recht feierlich, hat Dich das beeindruckt? Dann muß man ja den Schwur der Jungen Pioniere leisten. Wie war Dein Eintritt in die Jung-Pionier-Zeit? Sch. : Beeindruckend war nicht der Eintritt zu den Jungen Pionieren, der lief mehr oder weniger automatisch ab, weil das im Schulbetrieb so ?blich war und die Sicherheit bestand, aufgenommen zu werden. Aber der Wunsch, aufgenommen zu werden, war sehr groß, und es war eine Ehre, Junger Pionier zu sein. Noch wichtiger aber war die Aufnahme zu den Oktoberkindern in der Sowjetunion. W.L. : Das war schon vorher? Sch. : Die sowjetischen Kinder werden in der Schule nicht zuerst Pioniere, sondern Oktoberkinder, "Oktjabronki". Oktoberkind wird man in den ersten Wochen nach Schulbeginn. Fast alle Kinder werden auch Oktoberkinder. Man versucht damit, den Sprung vom preu?ischen Leben im Kindergarten zum Leben eines Schülers zu meistern. Nur der sehr ungezogene und schwierige oder der sehr faule Schüler, bei dem sich das schon in den ersten Wochen bemerkbar macht, darf nicht Oktoberkind werden. Bei uns in der Klasse sind ein oder zwei MitSchüler nicht Oktoberkind geworden. Ich bin ehrlich: Ich war sehr stolz, Oktoberkind zu werden. Die Aufnahme zu den Jungen Pionieren erfolgte dann später in Deutschland. W.L. : Gab es irgendetwas, was Dir Positives passierte, wenn Du Dich an die Schulzeit in Moskau erinnerst oder wollen wir es dabei bewenden lassen? Sch. : Wir haben in Moskau immer sehr viel Unsinn getrieben, auch im Lux. Das ist vielleicht interessant. Der Unsinn im Lux war für mich, auch für mein politisches Denken in der Zukunft Maßgebend. Sogar in meinem Gerichtsverfahren 1985 habe ich das als Beispiel gebracht: Die Toleranz. Im Lux ist mir beigebracht worden, daß man nach dem Inhalt, nicht nach der ?u?eren Erscheinung sehen soll. Das war ein wesentliches Erlebnis. Wir bekamen irgendwie mit, daß unsere Eltern sehr sauer gegen Hitler waren und daß der Gru? "Heil Hitler" verha?t und eine Schande war. Es gab h?ufig Stromsperren in Moskau, damit gingen auch im Lux die Lichter aus. Wir, 4 oder 8 Bengel, liefen in den G?ngen herum und riefen "Heil Hitler". Und das während des Krieges, und wir wußten, daß die Eltern unheimlich w?tend w?rden. Wahrscheinlich, so nehme ich an, war das für die einen oder anderen Eltern sogar gef?hrlich, wenn herauskam, daß ihr Kind so etwas rief. So ging das wochenlang, bis wir einmal erwischt wurden. Von Renate Zaisser, der Tochter Wilhelm Zaissers, die damals Leutnant oder Oberleutnant der Sowjetarmee war und Fronteins?tze machte. Ich kann mich noch an sie erinnern. Und sie kannte uns auch bestens, denn Zaisser war mit meinem Vater befreundet. Sie hielt uns eine Moralpredigt und entlie? uns dann. Sie hatte uns noch erklärt, daß unser Verhalten m?glicherweise die Eltern ?rgert. Dann kann ich mich noch ausgesprochen gut an etwas erinnern, daß auch in meinem Unterbewußtsein eine große Rolle gespielt hat. Wir wohnten alle in Einzelzimmern. Aber einige hatten auch Wohnungen, 2 oder 3-Zimmerwohnungen. Ich wußte nicht, wie diese Wohnungen aussehen, drinnen war ich noch nicht gewesen. Aber ich wußte, daß in einer dieser Wohnungen, ich glaube im dritten Stock, Wilhelm Pieck wohnte. In einer Dreizimmer-Wohnung, wie uns gesagt wurde. Ich als Kind fand das ungerecht, Man nimmt zwar als Kind alles hin, was kommt, aber irgendwie war das komisch. W.L. : Hast Du außer dem Namen Wilhelm Piecks und seiner Dreizimmer-Wohnung noch andere Namen geh?rt? Sch. : Ja. Viele. Dimitrow spielte eine große Rolle. Er wohnte auch, so weit ich wei?, im Hotel Lux. W.L. : Bei Dimitrow ist unklar, ob er im Lux gewohnt hat. Sch. : Was die Gurjanowij-Familie für eine Rolle spielte, wei? ich jetzt nicht. Sie waren Russen. Das mußten Angestellte des Hauses gewesen sein. Es waren ein Mann und eine Frau. Wir hatten viel mit ihnen zu tun. Dann auch mit Erich Wendt, der auch im Lux wohnte, ein alter Jugendfreund meines Vaters. W.L. : Und später dann Verhandlungsleiter der DDR in den Gesprächen über das Berlin-Abkommen mit den Westmöchten. Sch. : Er wohnte in einem Zimmer, das keine Fenster hatte. Ihn haben wir immer sehr viel ge?rgert. Wir sind einfach in sein Zimmer gegangen, wenn er gearbeitet hat und st?rten ihn bei der Arbeit. Schälike (2) Sch. : Unser Leben fand im Hotel Lux statt, bzw. auch auf den Stra?en der unmittelbaren Umgebung. Wir Kinder waren auf uns selbst gestellt, unsere Eltern haben gearbeitet, meine Schwester ging zur Schule. Wir waren eigentlich Stra?enkinder - Luxkinder. Bezeichnende Erlebnisse: Wir haben in den GemeinschaftsKüchen das Essen in den T?pfen vermengt, während die Leute aus der Küche herausgegangen waren. Während des Krieges, wo alles knapp war, Wir haben Borretsch und Chili gemischt und die Bratpfannen in die Kartoffeln reingeschmissen. Es gab immer viel ?rger, aber es ist nie herausgekommen, welches von den Kindern das konkret gemacht hatte. In den Küchen gab es Schränke, in denen das Geschirr aufbewahrt wurde. In den unteren F?chern waren Gasmasken für eventuelle Gasalarme. Wir haben sie herausgeholt und zerschnitten. Bei den russischen Gasmasken gab es große, flache Filter: die haben wir abgeschraubt und auseinandergenommen, also praktisch vernichtet. Als Kinder im Hotel Lux haben wir viel Zank und Pr?geleien mit den Kindern aus den Nachbarh?usern gehabt. Das waren richtige Stra?enschlachten. Wir verwendeten als Schlachtwerkzeug Stahlbänder, mit denen Kisten beschlagen werden, oder die man als Kufen bei Schlitten benutzte. Mit diesen Bändern und in großen Gruppen von 20 bis 30 Kindern auf jeder Seite, pr?gelten wir uns auf den H?fen. Ich als kleines Kind war meistens in den hinteren Reihen oder als Zuschauer dabei. Jedenfalls war das immer ein riesiger Krach. Wichtig ist bei diesen Erinnerungen, daß ich ja Deutscher war. Mein Vater hie? Fritz. "Fritz" heißt für die Russen Deutsche, so wie etwa der "Iwan" für die Deutschen Russen bedeutet. Es war ein Spitzname für die Deutschen. Mir war bewußt, daß die Deutschen furchtbare Menschen waren, die Faschisten, die "Fritzen". Ich konnte es schlecht verkraften, daß mein Vater ausgerechnet Fritz hie?. Irgendwie sch?mte ich mich deswegen. In der Schule wurden wir nach dem Namen des Vaters gefragt. In Ru?land werden aus dem Vornamen und dem Vornamen des Vaters die eigentlichen Vornamen gebildet. So mußte ich Rolf Fritzowitsch heißen. Weil ich mich sch?mte, habe ich in der Schule gesagt, ich hie?e Rolf Writzowitsch. Die Lehrerin hat das ins Schulbuch geschrieben. Ich habe dann ins Schulbuch hineingeguckt: und da stand Rolf Writzowitsch, also mit "w". Sie hatte es nicht verstanden. Ich kann mich an ein weiteres Ereignis im Zusammenhang mit dem Hotel Lux erinnern. Im Hotel gab es unten eine B?ckerei, eine Pulotschnajk. Das Brot wurde dorthin in Paletten auf LKWs angefahren, die Paletten wurden vor dem Gesch?ft aufgeschichtet und erst dann hineingefahren. Ich ging einmal mit meinem Vater spazieren, als das Brot angefahren wurde. Ich fuhr mit meiner Hand einfach über eine Palette, und das ganze Brot fiel auf den Boden. Mitten im Krieg. Es entstand sofort ein Menschenauflauf. Mein Vater, der ja Deutscher war, sprach nur gebrochen russisch. Eigentlich war das eine Situation, in der man einen hätte lynchen können. Mein Vater sagte nur: "Der ist nicht bei mir erzogen, er kommt aus einem sowjetischen Heim". Es ist gar nichts passiert. Die Umgebung hat das wirklich nur als einen Kinderscherz oder eine Chuligan, ein rowdiehaftes Verhalten beurteilt und keinen politischen Sinn hineingelegt. Ich ging in eine ganz normale russische Schule, wo alle wußten, daß ich ein Deutscher war, Später bin ich in die russische Besatzerschule in Berlin gegangen. Daß ich ein Deutscher bin, habe ich nie zu sp?ren bekommen - ein positives Erlebnis. Ein Vergleich mit den späteren Erlebnissen in Deutschland: Ich, ein Kind, wurde verpr?gelt, als Russe verpr?gelt, weil ich nur gebrochen deutsch sprechen konnte, in der ersten Zeit in eine russische Schule ging und wir Schuluniformen trugen. Wir haben diese Uniform wie eine Milit?runiform getragen und auch entsprechend kurze Haare. Meine Eltern haben dann durchgesetzt, daß wir wenigstens einen Pony tragen durften. W.L. : Ich glaube, das erste Mal, wo Du an einer Großveranstaltung teilgenommen hast, war bei der Demonstration zum l. Mai 1946. Sch. : Ja, es gab die 1. Mai-Demonstration, an der ich 1946 teil- genommen hatte in der großen Hoffnung, Stalin zu sehen. Jahrelang habe ich mir eingebildet, ich hätte ihn gesehen. Aber ich konnte ihn auf gar keinen Fall gesehen haben, das wei? ich genau, aber ich wollte ihn so gesehen haben. Er war mein Idol. Eine kleine Episode, an die ich mich erinnern kann: Wenn wir auf der Stra?e spielten, wurden wir ?fter von Größeren angefallen und umzingelt. Wir mußten unsere Taschen leeren. Ich trug Hosen, die meine Mutter aus den Hosen meines Vaters, also aus deutschen Hosen, genäht hatte. Deutsche Hosen haben aber eine Uhrentasche für Taschenuhren. Die Russen kennen diese Taschenuhren und die Uhrentaschen nicht, so daß ich immer alles Wesentliche in dieser Tasche verstecken konnte, Ich mußte zwar meine Taschen leeren, aber das Wertvollste, N?gel und Kn?pfe, fanden sie nie. Noch ein Erlebnis, dessen Hintergründe mir erst später bekannt wurden: Zwar hatten wir alle keine Uhren, aber wir wußten immer, wie spät es ist. Wenn wir auf der Stra?e die Uhrzeit wissen wollten haben wir nur die Offiziere angesprochen. Wir wußten, daß sie Uhren haben. Später habe ich dann erst mitbekommen, warum. 01.03.206 ergänzt
W.L. : Wann und wie wurdest Du Junger Pionier? War das für Dich etwas völlig Selbstverständliches oder war das recht feierlich, hat Dich das beeindruckt? Dann muß man ja den Schwur der Jungen Pioniere leisten. Wie war Dein Eintritt in die Jung-Pionier-Zeit?
Sch. : Beeindruckend war nicht der Eintritt zu den Jungen Pionieren, der lief mehr oder weniger automatisch ab, weil das im Schulbetrieb so üblich war und die Sicherheit bestand, aufgenommen zu werden. Aber der Wunsch, aufgenommen zu werden, war sehr groß, und es war eine Ehre, Junger Pionier zu sein. Noch wichtiger aber war die Aufnahme zu den Oktoberkindern in der Sowjetunion.
W.L. : Das war schon vorher?
Sch. : Die sowjetischen Kinder werden in der Schule nicht zuerst Pioniere, sondern Oktoberkinder, "Oktjabrönki". Oktoberkind wird man in den ersten Wochen nach Schulbeginn. Fast alle Kinder werden auch Oktoberkinder. Man versucht damit, den Sprung vom preußischen Leben im Kindergarten zum Leben eines Schülers zu meistern. Nur der sehr ungezogene und schwierige oder der sehr faule Schüler, bei dem sich das schon in den ersten Wochen bemerkbar macht, darf nicht Oktoberkind werden. Bei uns in der Klasse sind ein oder zwei Mitschüler nicht Oktoberkind geworden. Ich bin ehrlich: Ich war sehr stolz, Oktoberkind zu werden. Die Aufnahme zu den Jungen Pionieren erfolgte dann später in Deutschland.
W.L. : Gab es irgendetwas, was Dir Positives passierte, wenn Du Dich an die Schulzeit in Moskau erinnerst oder wollen wir es dabei bewenden lassen?
Sch. : Wir haben in Moskau immer sehr viel Unsinn getrieben, auch im Lux. Das ist vielleicht interessant. Der Unsinn im Lux war für mich, auch für mein politisches Denken in der Zukunft maßgebend. Sogar in meinem Gerichtsverfahren 1985 habe ich das als Beispiel gebracht: Die Toleranz. Im Lux ist mir beigebracht worden, daß man nach dem Inhalt, nicht nach der äußeren Erscheinung sehen soll. Das war ein wesentliches Erlebnis. Wir bekamen irgendwie mit, daß unsere Eltern sehr sauer gegen Hitler waren und daß der Gruß "Heil Hitler" verhaßt und eine Schande war. Es gab häufig Stromsperren in Moskau, damit gingen auch im Lux die Lichter aus. Wir, 4 oder 8 Bengel, liefen in den Fluren herum und riefen "Heil Hitler". Und das während des Krieges, und wir wußten, daß die Eltern unheimlich wütend werden. Wahrscheinlich, so nehme ich an, war das für die einen oder anderen Eltern sogar gefährlich, wenn herauskam, daß ihr Kind so etwas rief. So ging das wochenlang, bis wir einmal erwischt wurden. Von Renate Zaisser, der Tochter Wilhelm Zaissers, die damals Leutnant oder Oberleutnant der Sowjetarmee war und Fronteinsätze im Doppeldecker machte, mit ihrer Stimmen den deutschen SAoldaten an der Front einjagte. Ich kann mich noch an sie erinnern. Und sie kannte uns auch bestens, denn Zaisser war mit meinem Vater befreundet. Sie hielt uns eine Moralpredigt und entließ uns dann. Sie hatte uns noch erklärt, daß unser Verhalten möglicherweise die Eltern ärgert,diesen Ärger bereiten wird. Dann kann ich mich noch ausgesprochen gut an etwas erinnern, daß auch in meinem Unterbewußtsein eine große Rolle gespielt hat. Wir wohnten alle in Einzelzimmern. Aber einige hatten auch Wohnungen, 2 oder 3-Zimmerwohnungen. Ich wußte nicht, wie diese Wohnungen aussahen, drinnen war ich nioe gewesen. Aber ich wußte, daß in einer dieser Wohnungen, ich glaube im dritten Stock, Wilhelm Pieck wohnte. In einer Dreizimmer-Wohnung, wie uns gesagt wurde. Ich als Kind fand das ungerecht, Man nimmt zwar als Kind alles hin, was kommt, aber irgendwie war das komisch.
W.L. : Hast Du außer dem Namen Wilhelm Piecks und seiner Dreizimmer-Wohnung noch andere Namen gehört?
Sch. : Ja. Viele. Dimitrow spielte eine große Rolle. Er wohnte auch, so weit ich weiß, im Hotel Lux.
W.L. : Bei Dimitrow ist unklar, ob er im Lux gewohnt hat.
Sch. : Was die Gurjanowij-Familie für eine Rolle spielte, weiß ich jetzt nicht. Sie war eine Russin, würde ich sagen. Das mußten Angestellte des Hauses gewesen sein. Es waren ein Mann und eine Frau. Wir hatten viel mit ihnen zu tun. Dann auch mit Erich Wendt, der auch im Lux wohnte, ein alter Jugendfreund meines Vaters.
W.L. : Und später dann Verhandlungsleiter der DDR in den Gesprächen über das Berlin-Abkommen mit den Westmächten.
Sch. : Er wohnte in einem Zimmer, das keine Fenster hatte. Ihn haben wir immer sehr viel geärgert. Wir sind einfach in sein Zimmer gegangen, wenn er gearbeitet hat und störten ihn bei der Arbeit.
Sch. : Unser Leben fand im Hotel Lux statt, bzw. auch auf den Straßen der unmittelbaren Umgebung. Wir Kinder waren auf uns selbst gestellt, unsere Eltern haben gearbeitet, meine Schwester ging zur Schule. Wir waren eigentlich Straßenkinder - Luxkinder. Bezeichnende Erlebnisse: Wir haben in der Gemeinschaftsküche das Essen in den Töpfen vermengt, während die Leute aus der Küche herausgegangen waren. Während des Krieges, wo alles knapp war, wir haben Borschtsch (Eintopf mit roten Beeten, Kohl und Rindfleicsh) und Shchi (Eintopf mit Sauerkraut) gemischt und die Bratpfannen Kartoffeln reingeschmissen. Es gab immer viel Ärger, aber es ist nie herausgekommen, welches von den Kindern das konkret gemacht hatte. In den Küchen gab es Schränke, in denen das Geschirr aufbewahrt wurde. In den unteren Fächern waren Gasmasken für eventuelle Gasalarme. Wir haben sie herausgeholt und zerschnitten. Bei den russischen Gasmasken gab es große, flache Filter: die haben wir abgeschraubt und auseinandergenommen, also praktisch vernichtet. Als Kinder im Hotel Lux haben wir viel Zank und Prügeleien mit den Kindern aus den Nachbarhäusern gehabt. Das waren richtige Straßenschlachten. Wir verwendeten als Schlachtwerkzeug Stahlbänder, mit denen Kisten beschlagen wurden, oder die man als Kufen bei Schlitten benutzte. Mit diesen Bändern und in großen Gruppen von 20 bis 30 Kindern auf jeder Straßenseite prügelten wir uns auf der Straße und in den Höfen. Ich als kleines Kind war meistens in den hinteren Reihen oder als Zuschauer dabei. Jedenfalls war das immer ein riesiger Krach. Wichtig ist bei diesen Erinnerungen, daß ich ja Deutscher war. Mein Vater hieß Fritz. "Fritz" heißt für die Russen Deutsche, so wie etwa der "Iwan" für die Deutschen Russen bedeutet. Es war ein Spitzname für die Deutschen. Mir war bewußt, daß die Deutschen furchtbare Menschen waren, die Faschisten, die "Fritzen". Ich konnte es schlecht verkraften, daß mein Vater ausgerechnet Fritz hieß. Irgendwie schämte ich mich deswegen. In der Schule wurden wir nach dem Namen des Vaters gefragt. In Rußland werden aus dem Vornamen und dem Vornamen des Vaters die eigentlichen Vornamen gebildet. So mußte ich Rolf Fritzowitsch heißen. Weil ich mich schämte, habe ich Ftitzewizsch sehr schnell, damit unverständliche gesprochen, die Lehrerin fragte mehrmals nach, ich wiederholte schnell zischend Fritzowitsch, Die Lehrerin hat das ins Schulbuch geschrieben. Ich habe dann ins Schulbuch hineingeguckt: und da stand Rolf Writzowitsch, also mit "w". Sie hatte es nicht verstanden. Das war aber schon in Berlin,in der russischen Offizierskinderschule. Ich kann mich an ein weiteres Ereignis im Zusammenhang mit dem Hotel Lux erinnern. Im Hotel gab es unten eine Bäckerei, eine Bulotschnaja. Das Brot wurde dorthin in Paletten auf LKWs angefahren, die Paletten wurden vor dem Geschäft aufgeschichtet und erst dann hineingefahren. Ich ging einmal mit meinem Vater spazieren, als das Brot angefahren wurde. Ich fuhr mit meiner Hand einfach über eine Palette, und das ganze Brot fiel auf den Boden. Mitten im Krieg. Es entstand sofort ein Menschenauflauf. Mein Vater, der ja Deutscher war, sprach nur gebrochen Russisch. Eigentlich war das eine Situation, in der man einen hätte lynchen können. Mein Vater sagte nur: "Der ist nicht bei mir erzogen, er kommt aus einem sowjetischen Heim". Es ist gar nichts passiert. Die Umgebung hat das wirklich nur als einen Kinderscherz oder Chuliganstwo (Rowdytum) beurteilt und keinen politischen Sinn hineingelegt. Ich ging in eine ganz normale russische Schule, wo alle wußten, daß ich ein Deutscher war, später bin ich in die russische Besatzerschule in Berlin gegangen. Daß ich ein Deutscher bin, habe ich nie zu spüren bekommen - ein positives Erlebnis. Ein Vergleich mit den späteren Erlebnissen in Deutschland: Ich, ein Kind, wurde verprügelt, als Russe verprügelt, weil ich nur gebrochen Deutsch sprechen konnte, in der ersten Zeit in eine russische Schule ging und wir russische Schuluniformen trugen. Wir haben diese Uniform wie eine Militäruniform getragen und auch entsprechend kurze Haare. Meine Eltern haben dann durchgesetzt, daß wir wenigstens einen kleinen Harrschopf vorn auf der Glatze tragen durften.
W.L. : Ich glaube, das erste Mal, wo Du an einer Großveranstaltung teilgenommen hast, war bei der Demonstration zum l. Mai 1946.
Sch. : Ja, es gab die 1. Mai-Demonstration, an der ich 1946 teil- genommen hatte in der großen Hoffnung, Stalin zu sehen. Jahrelang habe ich mir eingebildet, ich hätte ihn gesehen. Aber ich konnte ihn auf gar keinen Fall gesehen haben, das weiß ich genau, aber ich wollte ihn so gesehen haben. Er war mein Idol.
Eine kleine Episode, an die ich mich erinnern kann: Wenn wir auf der Straße spielten, wir wurden von größeren Kindern angefallen und umzingelt. Wir mußten unsere Taschen leeren. Ich trug Hosen, die meine Mutter aus den Hosen meines Vaters, also aus deutschen Hosen, genäht hatte. Deutsche Hosen haben aber eine Uhrentasche für Taschenuhren. Die Russen kennen diese Taschenuhren und die Uhrentaschen nicht, so daß ich immer alles Wichtige in dieser Uhrentasche verstecken konnte, Ich mußte zwar meine Taschen leeren, aber das Wertvollste, Nägel und Knöpfe, fanden sie nie.
Noch ein Erlebnis, dessen Hintergründe mir erst später bekannt wurden: Zwar hatten wir alle keine Uhren, aber wir wußten immer, wie spät es ist. Wenn wir auf der Straße die Uhrzeit wissen wollten, haben wir nur die Offiziere angesprochen. Wir wußten, daß sie Uhren haben. Später habe ich dann erst mitbekommen, warum.
Nicht vergessen kann ich die Kriegskrüppel. Soldaten ohne Beine bauten unter einem Brett Kugellager als Räder an, was wir heute Hund nennen würden, das war deren Fahrgestell, sie stießen sich an mit aus Holz mit Stoff überzogenen bügeleisenförmigen Kästen vom Fußboden ab,um zun fahren.
Noch ein prüfendes Erlebnis auf einer vil begangenen Parallelstraße zu der zentzraen Gorkistraße, dort fuhr ein mir Weißkohl beladener Lkw, zwei Jungs sprangen drauf un d schmissen ihren hinterherlaufenden Kumpel Weißkohlköpfe runter, die diese sofort an die Leute verkaufen, kein Potest,keine Anzeigen,kein Eingriff der Polizei, rien Menschenmenge.
An das Moskauer Eis kann ich mich bestens erinnern, dass schmeckte schon damals hervarragend. Auch Messerstechen haben wir auf der Straße gespüielt, Messer jhattem wir nicht, nutzte dafür Lochpieckser. Wir brauchten Geld, mein Vater war in schwacher Raucher, wie hatte damit viel Papirossy (Zigaretten mit einem langem Papmundstück) im Schrenk, kleuten welche und wollten diese auf der Gorkistraße verkaufen, kaufte aber niemand, weiß heute nicht warum, Eis wollten wir klauen, ich entwendete eine auf dem Eiswagen, es war aber nur Werbung aus Pappe, haben aufgegeben, Ein zu kaufen, klauen ging nicht. Irgendwann haben wir 90 Kopeken zusammenbekommen und uns einen Lochpieckser gekauft.