WL: Es ist selten, dass ein Deutscher, selbst ein DDR-Bürger, in Moskau geboren wird. Warum wurdest Du gerade in Moskau geboren?

Sch. : Für mich ist das nicht ungewöhnlich, weil viele meiner deutschen Freunde in Moskau geboren sind: Mein Freundeskreis stammt zum größten Teil eben aus der Kindheit, die ich in Moskau verbracht hatte. Ich bin in Moskau als Kind deutscher Emigranten geboren, als Kind deutscher Kommunisten, Mitarbeitern der Kommunistischen Internationale. Meine Eltern lebten seit 1929 in Moskau. Sie waren von der Kommunistischen Partei Deutschlands als Mitarbeiter der Kommunistischen Internationale für drei bis fünf Jahre nach Moskau delegiert worden. Mein Vater war in der Weimarer Republik im Verlagswesen tätig. Er war Verlagsleiter im Verlag der Jugendinternationale und sollte im deutschsprachigen Teil des Verlages der Komintern bleiben. Meine Mutter war auch berufstätig. Sie arbeitete als Bürokauffrau. Im Zusammenhang mit der Machtergreifung in Deutschland im Jahre 1933 konnten meine Eltern nicht mehr nach Deutschland zurückkehren. Für sie hätte eine Rückkehr der Tod bedeutet. Damit wurden sie eigentlich zu Emigranten.

WL: Sie haben im Komintern-Verlag gearbeitet. War das der Carl-Hoym-Verlag oder weißt Du noch, wie der Komintern-Verlag damals hieß

Sch.: Da bin ich überfragt. Meine Mutter war noch im Januar 1933 in Berlin -meine Eltern sind Berliner- und hat die Wohnung nach den Reichstagswahlen im März 1933 aufgelöst.

WL: Wo war die Wohnung?

Sch. : In Berlin.

WL: Wo in Berlin?

Sch. : In Berlin-Lichtenberg. Meine Mutter wollte ihr Emigrantendasein wie jede ordentliche Deutsche beginnen. Die Bücher und die Möbel wurden an Verwandte und Bekannte verteilt. Wir waren dann bis nach dem Krieg, bis 1946 nicht mehr in Deutschland, bis zu unserer Rückkehr. Meine Eltern waren 1929 zusammen mit meiner Schwester in die Sowjetunion arbeiten gegangen.

WL: Kannst Du uns den Namen Deiner Schwester nennen?

Sch. : Waltraud Schälike. Sie ist 1927 in Berlin geboren. In Moskau kam 1937 mein Bruder zur Welt und ich dann ein Jahr später, 1938. Wir sind damals als Kinder von Kominternmitarbeitern oder als Kinder von Verlagslektoren auf die Welt gekommen. Meinen Eltern ist die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt worden - das ist auch hier bekannt. Sie haben dann die sowjetische Staatsbürgerschaft erhalten.

WL: Wohnten sie damals schon im Hotel Lux oder wohnten sie zuerst noch woanders?

Sch. : Wo meine Eltern 1929 wohnten, weiß ich nicht genau. Ich müsste meine Schwester fragen. Aber aus den Gesprächen, die ich noch in Erinnerung habe, glaube ich, dass sie von Anfang an dort gewohnt haben.

WL: Es gab eine Unterscheidung: Die höheren Emigranten wohnten im Hotel Lux, die anderen im Hotel Baltschuk. Du kennst diese Unterscheidung?

Sch. : Ja, aber vom Hotel Baltschuk ist bei uns zu Hause nie gesprochen worden, nur vom Hotel Lux, Meine Eltern wohnten immer in Moskau, außer in den Kriegsjahren, in denen sie, wie alle, aus Moskau evakuiert waren.

WL: Was ist Deine erste Kindheitserinnerung?

Sch. : Meine erste Kindheitserinnerung stammt nicht aus Moskau, sondern aus Lesnoj Kurort, einem Kinderheim für Kinder von Kominternmitarbeitern, die während des Krieges aus Moskau evakuiert waren. Meine ersten Erinnerungen stammen aus dieser Gegend, aus diesem Heim.