W.L. : Du warst damals nicht in der Schule. Du warst also noch im Vorschulalter. Was haben denn die Erzieher mit euch im Vorschulalter getan? Was habt Ihr denn so alles gemacht?
Sch. : Im Hof herumgespielt haben wir, mit den Mädels geschäkert. Daran kann ich mich erinnern. Pilze haben wir gesammelt, sind im Wald wilden Katzen nachgerannt. Die ewigen Zeiten im Isolator. An die Besuche bei meiner Schwester. An systematische oder irgendwelche schulische, erzieherische, militärische oder ähnliche Ausbildung kann ich mich nicht erinnern.
W.L. : In der Sowjetunion gibt es doch ständig die Zirkel. Habt Ihr einen Zirkel gehabt?
Sch. : Wir waren doch alle nur kleine Kinder.
W.L. : Habt Ihr schon gespielt? Ball oder irgendetwas?
Sch. : Bälle hat es nicht gegeben, keine Gummibälle, aus Stoff wurden Bälle genäht.
W.L. : Was war Dein erstes wirkliches Erlebnis, an das Du Dich besonders erinnerst? Wie war das in Lesnoj Kurort während des Krieges? Neben den Besuchen Deiner Schwester, neben den Besuchen Deiner Mutter? Gab es da irgendein Ereignis? Wann wußtest Du zum ersten Mal, daß Krieg war?
Sch. : Die Tatsache, daß Krieg war, ging in unserem Bewußtsein an uns vorbei. Wir lebten wirklich ein kindliches Leben. Wir hatten auch keinen Hunger, wurden gut versorgt, zumindest kann ich mich nicht daran erinnern. Ich esse schnell, kaue geichzeitig mit beiden Zähnenseiten, lasse nichts auf dem Teller liegen, kann sein , dass die mangelnde Ernährung von damals, mich dazu gebracht hat. Möglicherweise kann man sich in diesem Alter Hunger aber auch noch nicht vorstellen. In Lesnoj-Kurort ist mir jedenfalls nicht bewußt gewesen, daß Krieg war. Der Begriff Krieg ist ja an sich schon schwierig. Man kann in diesem Alter noch nicht vergleichen und nicht unterscheiden. Es ist sicher vom Krieg gesprochen worden, aber unter diesem Begriff konnte ich mir als drei-, vier- oder fünfjähriger nichts vorstellen. Dort spürten wir auch nicht die Bedrohung durch Angst: Es gab keine Verdunklungen, keine Übungen.
An etwas erinnere ich mich im Zusammenhang mit Lesnoj Kurort an die Rückfahrt. Die Rückfahrt erfolgte im Herbst, und zwar die Wolga entlang. Die älteren Kinder fuhren schon 1943 zurück. Meine Rückkehr erfolgte dann im Oktober-November 1944 mit einem Schlepper. Wir konnten von der Landschaft nichts sehen, weil wir im Rumpf untergebracht waren. Anschließend sind wir mit der Bahn nach Moskau gefahren. Von Gorki aus sind wir zuerst mit dem Schlepper gefahren, dann, an einer Station, sind wir aus dem Schlepper ausgestiegen. Angekommen sind wir auf dem Moskauer Bahnhof.
W.L. : Weißt Du noch, auf welchem Bahnhof?
Sch. : Das mußte der Kasaner Bahnhof gewesen sein. Die Verspänderung der Ankunft war typisch für unsere Familie: Insofern kann das wesentlich sein. Es war bekannt, daß die Kinder kommen. Der Zug hatte Verspätung. Meine Mutter hat aber nicht gewartet, bis der Zug kommt, sondern ist arbeiten gegangen. Die meisten Eltern waren da, die Kinder wurden von den Eltern in Empfang genommen, nur unsere Eltern waren nicht da. Das muss mich mich sehr schockiert haben, daß wir elternlos dastanden. Auf jeden Fall muß ich Skandal gemacht haben, als ich bemerkte, daß meine Mutter nicht kommt. "Ich schmeiße mich unter den Zug!", habe ich gerufen. Die Kinderheimfrauen bauten eine Kofferbarriere auf, einen Kofferwall, und haben mich hineingesetzt, bis meine Schwester kam. Es war bei ihr angerufen worden. Meine Mutter war ja arbeiten, so ist meine Schwester gekommen, um uns abzuholen. Das ist insofern interessant, als es die Beziehungen zu Hause in unserer Familie zeigt, besonders zwischen dem Privaten und dem Beruflichen. Die Arbeit ging immer vor. Drei Jahre hatten meine Eltern uns Kinder nicht gesehen, und an dem Tag warteten sie nicht ein paar Stunden, bis die Kinder kamen, sondern gingen arbeiten. Es passiert doch nichts.
W.L. : Die Schwester holte Dich ab und brachte Dich zum Hotel Lux.
Sch. : Die Schwester holte meinen Bruder und mich ab. Sie kannte mich gut und holte mich aus dem Kofferwall heraus. Sie sagte zum Schrecken der Betreuerinnen: "Der soll sich ruhig unter den Zug werfen". Ich habe es aber nicht gemacht, es war nur ein Protest. Ich war nie ein Selbstmördertyp, bin es auch heute nicht. Dann gingen wir nach Hause ins Hotel Lux. Ich kann mich noch an den Fahrstuhl unten beim Wächter erinnern. Dort haben wir angerufen. Wahrscheinlich hat meine Schwester mit meiner Mutter gesprochen. Ich bin dann zusammen mit meiner Schwester in das Zimmer Nr. 52 gegangen.
W.L. : Was war Dein erster Eindruck von dem berühmten Hotel Lux, von dem es jetzt schon Bücher gibt?
Sch. : Der erste Eindruck waren die großen Säulen vor dem Hotel, von denen ich dann später, 1956, als ich als Student wieder nach Moskau gekommen war, enttäuscht war, weil sie gar nicht so groß waren. Einem Kind erscheinen die Säulen immer als sehr hoch vor. Weiter beeindruckte mich als Landkind - ich war ja an sich ein Landkind, hatte so viel von der Stadt nicht in Erinnerung - der Fahrstuhl, der in Gitter aufgebaut war. Er spielte in unserem Leben im Hotel eine sehr große Rolle, in ihm sind wir viel gefahren. Er war eines unserer wesentlichen Spielzeuge. Ansonsten ist das Lux eben ein Hotel mit langen Gängen und Korridoren gewesen. Das war mein erster Eindruck.
W.L. : Du erinnerst Dich noch an das Zimmer 52. War das der dritte Stock?
Sch. : Es war in der 2. Etage. Also russisch 2. Etage, deutsch erster Stock.
W.L. : Dann wohntest Du da mit Deinem Bruder, Deiner Schwester und Deinen Eltern?
Sch. : Wir wohnten dort zu fünft in einem Zimmer von 25 qm. In diesem Zimmer gab es eine Kinderecke, die Arbeitsecke meiner Schwester, die Wohn- und Schlafecke meiner Eltern und das Bad, wo wir uns wuschen und das Geschirr spülten. Weiter gab es dort eine Gemeinschaftsküche, aber sie wurde von uns selten genutzt. Wir wurden ja zentral von der zentralen Küche versorgt.
W.L. : Bist Du mit Deinen Eltern in dem berühmten Speisesaal auf der ersten Etage gewesen?
Sch. : Ich kann nicht jetzt nicht mehr erinnern. Ich erinnere mich, daß der Speisesaal halb im Keller und halb im Hof war.
W.L. : Das kann während des Krieges gewesen sein.
Sch. : Im Hof gab es ein flaches Gebäude, in dem hinten der Speisesaal lag.
W.L. : Bei Deiner Rückkehr ins Hotel Lux warst Du inzwischen schon sechs Jahre alt. Wann hast Du zum ersten Mal gehört, daß Krieg ist? Wann bist Du zum ersten Mal mit der sowjetischen politischen Realität in Berührung gekommen?
Sch. : Ich wei?ß daß ich immer nur mit Krieg, Faschismus, Hitler, Kommunismus, Kapitalismus, mit diesen Begriffen gelebt habe. Wenn ich mich jetzt genau erinnere, kann ich nicht sagen, daß mir das in Lesnoj-Kurort schon bewußt gewesen war. Ich kann mich an kein Beispiel, auch an kein Gespräch erinnern, in dem es um entsprechende Dinge gegangen wäre. Nur die Tatsache, daß meine Schwester irgendwie ärmlich lebte und ihre Freundinnen für uns sammelten, wunderte mich. Das hatten sie mit der Knappheit und mit dem Krieg erklärt. Wir empfanden das schon als ein nicht normales Ereignis: Trockenes Brot und Bonbons sammeln, wo wir es doch bisher nicht anders gekannt hatten. Aber im Hotel Lux war der Krieg das Hauptthema. Krieg und Faschismus das waren die Hauptthemen, und wir spielten auch viel Krieg. Ich kann mich daran erinnern, daß wir einmal Faschisten und Partisanen gespielt und dabei einen Jungen tödlich gehenkt haben, hieß es unter uns.
W.L. : Erinnerst Du Dich an einige der Kinder von Komintern-funktionären?
Sch. : Ja. Es waren die gleichen Kinder wie in Lesnoj-Kurort. Mein Bruder zunächst einmal, dann Karl Harms, Peter Bergmann. Das muß ein Neffe von Bergmann aus Österreich gewesen sein.
W.L. : Erinnerst Du Dich an irgendwelche Kinder anderer Kominternfunktionäre aus anderen Ländern?
Sch. : Meine Erinnerung, was die Namen von anderen Kindern betrifft, hat immer unter dem Druck meiner Schwester und meines Bruders gestanden. Sie kannten alle und das reichte aus, das war meine Welt: Mein Bruder und meine Schwester. Und ich habe immer mitgemacht, ohne die Kinder im einzelnen mit Namen zu kennen.
W.L. : Die Kinder der Funktionäre, wenn die miteinander gespielt haben, haben alle russisch miteinander gesprochen?
Sch. : Ja. Wir haben russisch miteinander gesprochen. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, daß wir zu Hause deutsch gesprochen hätten, während meine Eltern behaupteten, wir konnten deutsch.
Sch. Meine Mutter schreibt das auch in den Briefen an meinen Vater. Ich kann mich erinnern, daß ich nur drei Worte deutsch konnte: "Du", "Dummkopf" und ein weiteres, das ich vergessen habe.
W.L. : Zwischen Oktober 1944 und Mai 1945, wo ich auch im Hotel Lux lebte, waren ein- oder zweimal in der Woche diese riesigen Feuerwerke anlässlich der Siegesmeldungen. Es muß doch für ein Kind etwas Spannendes gewesen sein oder hast Du das gar nicht bemerkt?
Sch. : Diese Saljuts waren ein Hauptereignis. Ich kann mich daran erinnern, daß die Saljuts sehr häufig waren und immer häufiger und häufiger wurden. Es gab immer Saljuts bei der Einnahme einer größeren Stadt, wie mir erzählt worden ist. Und bei Kriegsende wurden immer mehr große Städte eingenommen. Es gab zum Schluß fast täglich Saljuts.
W.L. : Es gab Tage, wo es zweimal hintereinander war.
Sch. : Ich kann mich auch an die riesigen Luftballons erinnern, die meistens zu Demonstrationen hochgelassen wurden im November oder zum 1. Mai, Schutz vor Fliegerangriffe.
W.L. : Diese Luftballons wurden zu Beginn des Krieges benutzt - mit Draht behauen, um deutsche Flieger zu hindern. Aber 1944/45 gab es das ja schon nicht mehr.
Sch. : Ich kann mich an sie sehr gut erinnern, und zwar zu Massenansammlungen und Demonstrationen, am 1. Mai, am 7. November. Während der Saljuts sind wir dann gleich auf die Straße gelaufen und haben nach den Knallkörperchen gesucht. Einige funktionierten noch, mit denen haben wir dann unser eigenes Feuerwerk gemacht.
W.L. : Das wußte ich nicht. Du warst schon sieben Jahre alt, als die Siegesfeier am 9. Mai war. Erinnerst Du Dich an den Tag des Sieges in Moskau?
Sch. : Ich könnte behaupten, ich kann mich an die Siegesfeiern erinnern, erinnerte mich an die riesigen Demonstrationen von Soldaten. Demonstrationen liefen ja immer an unserem Gebäude vorbei. Wir wohnten nur etwa einen halben Kilometer vom Roten Platz entfernt, und ich könnte auch behaupten, ich hätte das Niederlegen der Fahnen gesehen. Aber wahrscheinlich ist mir das alles im Nachhinein im Bewußtsein aus dem Film und aus der Literatur. Die vielen Demonstrationen und die vielen Saljuts, die es zum Schluß tglich gab, ließen mir den Tag des Sieges nicht als einen besonderen Tag erscheinen.
W.L. : Kurz nach der Siegesfeier ist Dein Vater, Fritz Schälike, von Moskau nach Deutschland abgefahren. Wie war das? Ist er allein gefahren oder mit seiner Frau, oder erinnerst Du Dich an den Abschied, als er nun plötzlich die Sowjetunion verließ?
Sch. : Ich kann mich nicht genau an den Tag seines Abschieds erinnern. Aber ich kann mich gut erinnern, daß wir alleine waren, ohne Vater. Wir haben unseren Vater sehr geliebt. Wir hatten ein gutes Verhältnis zu ihm, sind mit ihm oft Ski gelaufen oder gewandert, und Paddelboot fuhren wir viel mit den Eltern.
W.L. : In Moskau? In der Zeit von 1944 - 1945?
Sch. : In Moskau 1944/45: Meine Eltern hatten mir sogar erzählt, daß nach ihrem Paddelboot die sowjetische Paddelbootrevolution in Gang gesetzt worden war. Es war das Musterboot, das sie damals aus Deutschland mitgebracht hatten. Sie sind schon in Deutschland viel Paddelboot gefahren. Ich kann mich noch an eine Geschichte erinnern, die mir meine Mutter erzählt hat: In den 30er Jahren durfte sie nur im Rock skifahren, dann, 1942, konnte man aber eine Trainingshose darunter haben. Der Rock mußte aber dennoch darüber getragen werden. Ich habe auch Briefe von meiner Mutter an meinen Vater. Sie beschreibt dort auch die Wanderungen mit uns. Daß mein Vater fehlte, ist uns sehr bewußt geworden. Wir haben in seiner Abwesenheit seinen Geburtstag 1945 ganz groß und mit gegenseitigen Geschenken gefeiert.
W.L. : Wann war der Geburtstag?
Sch. : Am 19. Oktober. Es ist ein schöner Brief dazu da. Meine Mutter beschreibt dort, wie wir die Vorbereitungen trafen. Ich habe einen Brief an meinen Vater geschrieben und erinnere mich auch an seine Briefe an uns. Er malte ein Auto darauf oder einen Polizisten, der den Verkehr regelt. Mein Vater kam am 30. Mai 1945 nach Deutschland und war zunächst in Dresden tätig. Er hat dort die Parteipresse aufgebaut, die Volkszeitung und einige Zeit später dann den Dietz-Verlag.
W.L. : Er ist dann zur Wallstraße gekommen, hat dort gewohnt und leitete den Verlag "Neuer Weg". Das war der Parteiverlag der KPD und später der SED. Jetzt bist Du schon in Moskau zur Schule gegangen. Wie war das? Erinnerst Du Dich noch an die Schule, die Du in Moskau besucht hast? An Deinen ersten Schultag?
Sch. : Ich bin in Moskau zweimal in die Schule gegangen oder, besser gesagt, zweimal eingeschult worden. In der Sowjetunion gibt es die Zehnklassenschule. Das Abitur, das zweite Zeugnis, das dem Abitur entspricht, erlangt man nach zehn Klassen. Die Kinder werden entsprechend ein Jahr später eingeschult, also mit sieben Jahren statt, wie in Deutschland üblich, mit sechs Jahren. Meine Eltern wollten uns deutsch erziehen. Sie wollten den Anschluß an Deutschland wieder herstellen, und sie haben mich zusammen mit meinen Bruder einschulen lassen. Mein Bruder war sieben Jahre alt, ich war sechs. Der Schuldirektor hatte nichts gegen die Einschulung, daran kann ich mich erinnern. Es gibt in den Schulen Vorgespräche zwischen Lehrern und Schülern, oder auch zwischen dem Direktor und den Schülern. Bei dem Vorgespräch mit meinem Bruder war ich dabei. Auf dem Fensterbrett stand ein Kaktus. Kakteen kannte ich nicht, ich habe mich gefreut und den Direktor gefragt: "Was ist das für eine komische Gurke mit so viel Nadeln?" - diese Frage hat dem Direktor so gut gefallen, daß er auch mich einschulte.
W.L. : In Moskau haben die Schulen Nummern. Weißt Du noch, welche Nummer Deine Schule hatte, wie sie hie? und wo sie war?
Sch. : Da muß ich in meinem Zeugnis nachsehen.
W.L. : War es weit vom Hotel Lux? Bist Du zur Schule zu Fu? gegangen?
Sch. : Wir mußten auf Wunsch unserer Eltern zu Fuß zur Schule gehen. Wir sind aber auch öfters mit dem Bus gefahren, da gab es jedes Mal Beschwerden. In der Nähe war eine Trolleybushaltestelle. Das war in Richtung Gorkiplatz, wenn ich mich recht erinnere.
W.L. : Wann bist Du eingeschult worden?
Sch. : Die erste Einschulung war 1944, aber nach etwa einer Woche oder 14 Tagen mußten sie mich wieder aus der Schule nehmen, weil ich sie als Kinderspielplatz betrachtet hatte.
W.L. : Und die zweite Einschulung war dann im September 1945?
Sch. : Die zweite, die richtige Einschulung auch dem Alter nach, war im September 1945.
W.L. : Hast Du noch irgendwelche Eindrücke aus der Moskauer Schule in Erinnerung:
Sch. : Ja. Die Eindrücke sind nachhaltig und recht genau. Wir waren eine relativ groß Klasse mit mehr als dreißig Kindern. Alle waren ärmliche Kinder, wir hatten auch wenig Schulzeug. Es gab ja nichts, alles war knapp, auch alles sehr dreckig für meine Begriffe, Dabei will ich nicht behaupten, daß im Lux oder in der ganzen Umgebung etwas im Stil der deutschen Ordentlichkeit und Gründlichkeit gewesen wäre. Ich kann mich an dunkle Zimmer und verrauchte Klosetts erinnern. Es wurde viel geraucht, russische Zigaretten. Die Kippen wurden auseinandergenommen, naß gemacht und an die Decke geworfen. Die ganze Decke klebte voll davon. Ich kann mich erinnern, daß es in der ersten Klasse einen Lehrerwechsel gab. Die erste Lehrerin war sehr lieb, zu ihr hatte ich ein gutes Verhältnis. Das Verhältnis zu der zweiten Lehrerin war schlechter. Wenn sie Eintragungen ins Schulheft machte - alle Eintragungen kamen in das Heft - mußten alle nach vorn gehen. Es war ein Jux und ein Qual.
Sch. Es war wirklich katastrophal. Ich kann mich an etwas erinnern, das vielleicht nicht konkret mit der Schule zu tun hat. Bei meiner ersten Mathematikarbeit gab ich ein leeres Blatt ab, weil ich immer angenommen hatte -und wir sind auch so erzogen worden-, daß man für sich selbst lernt. So habe ich das leere Blatt abgegeben, ohne die Lehrerin ärgern zu wollen. Ich sagte ihr, daß ich die Aufgaben kann, daß sie das nicht zu prüfen braucht, weil ich weiß, daß die Ergebnisse, die ich kenne, richtig sind. Die Lehrerin, es war die erste, war so vernünftig, darin keine Provokation zu sehen. Sie hat mir erklärt, daß auch der Lehrer wissen muß, ob ich wirklich alles verstanden habe. Ich habe dann später die Arbeit doch noch abgegeben. Ich hatte ein weiteres, psychologisch einschneidendes Erlebnis: Es muß bei der zweiten Lehrerin gewesen sein. Für unsere Bleistifte hatten wir Federtaschen, selbst genäht auf unserer deutschen Nähmaschine zu Hause. Die Bleistifte waren mit Bandgummi festgemacht. Die Lehrerin sah das Bandgummi und fragte, ob wir zu Hause nicht noch welches hätten. Meine Mutter gab uns Bandgummi für die Lehrerin mit, wir haben es ihr geschenkt. Bei der nächsten Kontrollarbeit -in Russisch beim Diktat- bei dem ich wohl sehr viele Fehler hatte, hat sie mir trotzdem eine russiche Fünf, damit eine deutsche Eins gegeben. Ich wußte, daß es bestenfalls eine drei hätte sein können. Ich war ganz schön schockiert, weil ich keinen Zusammenhang erkennen konnte. Mir war klar, daß sie Dankeschön sagen wollte für den Bandgummi. Das war mein erstes Bestechungserlebnis. Ich lehnte so etwas innerlich völlig ab und besaß bei solchen Dingen seitdem ein enormes Mißtrauen.