W.L : Kannst Du etwas über das Kinderheim der Komintern in Lesnoj Kurort erzählen? Darüber ist noch nie irgendetwas geschrieben worden. Wo war dieses Lesnoj Kurort?

Sch. : Lesnoj Kurort ist eine geographische Bezeichnung für ein Gebiet bei Gorki, das heute noch so heißt.

W.L : Erinnerst Du dich, wo das bei Gorki war? Nördlich, in der Stadt oder außerhalb?

Sch. : Da musste ich auf der Karte nachsehen. Dazu erzähle ich einiges. Auf alle Fälle war es ein größeres Heim. Wie viele Kinder dort waren, kann ich nicht mehr sagen. Aber ich schätze, dass es etwa 100 bis 300 Kinder von Eltern aller Nationalitäten waren. Dort waren nicht nur Kinder von deutschen Emigranten, sondern auch französische, italienische und spanische. Auch russische Kinder waren dort. Die Erzieher im Heim waren entweder Frauen der Kominternmitarbeiter, die ebenfalls evakuiert waren, oder Frauen aus den umliegenden Dörfern. Deswegen ist auch die russische Sprache bei mir der in Gorki gesprochenen ähnlich. Wir sind von den Frauen dort erzogen worden.

W.L : Deine erste Sprache im Kinderheim war damit Russisch. Die Kinder sprachen alle Russisch?

Sch. : Die Sprache dort war russisch. Die eigene Sprache der Kinder wurde nicht gesprochen, die war dann meine Zweitsprache. Ich bin als Dreijähriger, mein Bruder als Vierjähriger dorthin gekommen. Bis dahin hatten wir zu Hause nur deutsch gesprochen. Bei Lesnoj Kurort, etwa 10 km entfernt, gab es eine Schule für die älteren Kinder. In dieser Schule war meine Schwester, in den oberen Klassen der Oberschule. Bezeichnend war für mich noch eine Erinnerung an meine Schwester: Als meine Mutter sich von uns Kindern verabschiedete, hatte sie zu meiner Schwester gesagt: "Trautchen, Deine wichtigste Aufgabe während des Krieges ist: Erhalte das Leben Deiner Brüder!" Also nicht verteidigen oder beschützen, sondern: "erhalte" das Leben Deiner Brüder. Meine Mutter hat uns während dieser Zeit in Lesnoj Kurort von 1941 bis 1944, nur zweimal besucht. Der Vater kam nie. Aber wir waren oft bei unserer Schwester. Damit waren wir etwas privilegiert: Nicht alle Kinder hatten eine ältere Schwester in der Nähe. Meine wichtigsten Erinnerungen an Lesnoj Kurort sind die Besuche bei meiner Schwester. Dort gab es immer Bonbons und Fladenbrot, das ich heute noch sehr gerne esse. Wir, mein Bruder und ich, gingen selbst den Weg durch die Wiesen und Wälder. Dadurch entwickelte sich bei mir die Liebe zur Natur und zum Wandern, auch die Liebe zur russischen Natur. Ansonsten ist meine Erinnerung an Lesnoj Kurort auf die negativen Seiten des Lebens dort beschränkt. Ich muß sehr darunter gelitten haben, als Kind ohne Mutter zu leben. Ich erinnere mich wohl deswegen so gut, weil ich ohne Eltern hier die Jahre als Dreijähriger verbrachte, völlig getrennt von den Eltern. Meine Schwester war immer, auch heute noch, für uns Mutterersatz. Aber psychologisch muß das offensichtlich nicht genügt haben, zumal ich vom Charakter her schon als Kind schwierig war. Ich erinnere mich hauptsächlich an die Zeit im Isolator in Lesnoj Kurort. Sowjetische Kinderheime haben ein Krankenzimmer, das Isolator heißt. Isoliert wurden Kinder nicht zur Strafe, sondern aus hygienischen Gründen bei einer Ansteckungsgefahr. Ich wurde isoliert, damit man Ruhe vor mir hatte. Ich war immer ein sehr verwöhntes Kind und befand mich ständig im Isolator. So hatten die Erzieher vor mir Ruhe. Es war eine Art kleines Gefängnis, im Nachhinein gesehen. Ich kann mich an die Zeiten im Isolator sehr gut erinnern. Eine angenehme Erinnerung, über die ich mich aber heute noch ärgere: Im Isolator waren wir zwei Jungs. Und als ich aufwachte, war es an meinen Beinen so schön warm und weich. Ich freute mich, wurde aber neugierig und wollte wissen, was das eigentlich ist, Als ich die Decke hochhob, lag dort eine Katze. Vor lauter Schreck schrie ich laut auf. Die Katze sprang unter das Bett meines Nachbarn. Der schrie auch vor Angst, und dann sprang die Katze aus dem Fenster. Ich ärgere mich heute noch, daß ich die Katze nicht hatte liegenlassen.

W.L : Eine Frage, die eventuell vorher gestellt wird. Wie sah dieses Kinderheim in Lesnoj Kurort aus? War es im Freien? In der Stadt? Waren es Gebäude? Wie viele waren bei Euch im Zimmer?

Sch. : Ich habe wenig Erinnerung, wie viele in einem Zimmer waren. Aber ich erinnere mich an ein Pionierlagergebäude. Die sowjetischen Pionierlager bestehen nicht aus massiven Holzstamm-Gebäuden, sondern aus Holzbrettern. Vielleicht gab es auch einige Holzstammhäuser. Der Isolator, daran kann ich mich noch erinnern, war in einem einstöckigen Eckhaus untergebracht. An die Klosetts kann ich mich auch noch gut erinnern. Es waren "Plumpsklos". Da hatte ich auch ein böses Erlebnis: Mir fiel eines Tages die Mütze, eine Baskenmütze, die mir meine Mutter geschenkt hatte, in die Toilette. Und was da hineinfiel, war verschwunden. Ich habe sehr darunter gelitten und furchtbar geheult. Die Gebäude des Heims standen getrennt. Die Küche befand sich auch in einem abgetrennten Gebäude. Wie in einem Pionierlager. Das muß früher ein solches Pionierlager oder Erholungsheim gewesen sein. Interessant ist im Zusammenhang mit Lesnoj Kurort, daß Ende der 60er Jahre ein Lehrer aus Lesnoj Kurort, ein sowjetischer Lehrer, mit seinen Schülern Geschichtsforschung betrieb und so herausbekam, daß dort früher einmal Kominternkinder gelebt hatten. Er wollte nun feststellen, was aus den Kindern geworden ist und machte, wie das in sowjetischen Schulen üblich ist, einen Geschichtszirkel auf. Er versuchte, Kontakt zu den früheren Bewohnern zu bekommen und ein Buch anzulegen. Auf diese Art und Weise haben wir auch Post bekommen. Da ich in den 60er Jahren gerade in Moskau war, hat er mich ebenfalls angeschrieben. Wir haben ihm auch andere Adressen gegeben. In der Prawda erschien sogar ein Artikel über die Aktivitäten dieser Geschichtsgruppe. Dann ist aber alles eingeschlafen. Ich nehme an, weil die Gruppe bei ihren Nachforschungen auf sehr viel unangenehme Schicksale gestoßen sind: Auf die Schicksale der einzelnen Kinder und auf die ihrer Eltern. Das war Ende der 60er Jahre.

W.L : Erinnerst Du dich an irgendein Kominternkind?

Sch. : An jene Kinder, mit denen ich dann weiter später befreundet war und in Deutschland zusammen in die Schule ging. Zum Beispiel Karl Harms, Rudik Dohm, Korf.

W.L : Spätere SED-Funktionäre?

Sch. : Unterschiedlich. Karl Harms ist jetzt Oberst der Nationalen Volksarmee in der DDR. Rudolf Dohm hat eine russische Mutter. Sein Schicksal ist auch typisch deutsch-russisch. Er ist bei der Gründung der Nationalen Volksarmee angesprochen worden, als 15-jähriger die Armee mit aufzubauen, dort als Soldat bzw. Unteroffizier zu dienen, womit er sich auch einverstanden erklärte. Ich erfuhr dabei, daß die Volksarmee, weitgegriffen, eine faschistische Armee ist, was die Erziehung betrifft und die Disziplin. Also unmenschlich. Wir waren alle ideal erzogen, wie man sich vorstellen kann. Um dem zu entgehen, hat sich Rudof Dohm daran erinnert, daß er auch die Möglichkeit hat, wieder Sowjetbürger zu werden. Er wurde wieder Sowjetbürger und ist in die Sowjetunion zurückgekehrt.