W.L. : Du bist im Juni 1946, mit acht Jahren, von Moskau aus nach Deutschland gekommen. Hattest Du vorher davon gehört? War das für Dich eine Aufregung: War es für Dich traurig, daß Du Moskau verlassen mußtest oder hast Du das mit Spannung erwartet? Wie verlief Deine Reise nach Deutschland?
Sch. : Die Rückkehr war für uns die erste große Fahrt; für uns Kinder, meinen Bruder und mich. Sie verlief mit unserem Wollen und ohne Widerstand, wie alles Neue bei Kindern. Wir fuhren ja zu unserem Vater, wir wußten: Er ist dort. Wir wußten auch, daß Deutschland unsere Heimat war, daß wir dorthin gehörten. Es war also kein Leid, wobei ich im Nachhinein die Sowjetunion immer als meine Heimat betrachtet habe und lange, auch nach meinem Studium noch, den Wunsch hegte, in die Sowjetunion zurückzukehren und dort zu leben. Dieser Wunsch war immer da. Wir sind nach Deutschland gefahren, in Deutschland war der Faschismus besiegt. Dort müssen jetzt die guten Leute, die Kommunisten hin, um ein neues Leben aufzubauen. Wir müssen das Land sowjetisch machen. Mit diesen Gedanken sind auch wir als Kinder hingefahren, als Kinder von Besatzern und Siegern.
Die Fahrt erfolgte mit einem Zug. Ich kann mich an den sowjetischen Paß und auch an ein Bild erinnern: Meine Mutter und wir zwei Kinder daneben. Das Bild habe ich sogar noch.
Ich kann mich auch an die vielen Leute auf den Bahnhöfen in der Sowjetunin erinnern, die etwas zum Verkauf anboten.
W.L. : Ihr seid von Moskau quer durch Polen nach Berlin gefahren?
Sch. : Ja, wir sind in Berlin angekommen. Mein Vater war nicht auf dem Bahnhof, irgendwie hatte die Information nicht funktioniert. Wir sind zu ihm nach Hause gefahren, und er hatte eine Freundin zu Hause.
W.L. : Wo hat denn Dein Vater gewohnt?
Sch. : In Berlin-Lichtenberg, in der Miquellstraße 52.
W.L. : Die Mutter mit den beiden Kindern kommt zur Miquellstra?e 52.
Sch. : Ja. Der Kaffeetisch ist gedeckt und mein Vater sitzt mit seiner Freundin am Kaffeetisch. Die Frau ist dann sehr schnell verschwunden. Ich habe gestaunt, weil wir immer ein sehr gastfreundliches Haus hatten. Ich habe das nicht richtig verstanden. Später, Jahre später ist mir das aufgegangen.
W.L. : Was waren Deine ersten Eindrücke von Ost-Berlin? Wie war Berlin für einen achtjährigen Jungen, der aus Moskau kommt?
Sch. : An die Ankunft auf dem Bahnhof kann ich mich nicht mehr erinnern, Wahrscheinlich war die Spannung, meinen Vater zu sehen, so groß, daß alles andere verdrängt wurde. An das Ereignis zu Hause, an das peinliche Ereignis, kann ich mich noch sehr gut erinnern, aber das wurde bei uns sehr gut überspielt. Es gab keinen Skandal, es gab nichts. Der erste Eindruck war diese zerstörte Stadt, das war niederdrückend. Ich kann mich nicht an Trümmer in Moskau erinnern, nur an abgeschossene Flugzeuge, die in den Parks lagen.
W.L. : Die dort ausgestellt wurden.
Sch. : Nein, nicht ausgestellt, da lagen abgeschossene Flugzeuge. Teilweise waren sie vielleicht ausgestellt, teilweise waren es Reste. Ich kann mich an die vielen Soldaten in Moskau erinnern, aber nicht an Trümmer in der Stadt.
In Berlin war alles zerstört. Mir erschien zunächst einmal alles grau. Und die U-Bahn: Die Moskauer U-Bahn funktionierte ja während des Krieges ausgezeichnet, sie war beeindruckend gebaut, wie ein Palast. Aber die deutsche U-Bahn: Als wie das erste Mal benutzten, dachte ich, wir gingen in einen Keller, in dem es Geschäfte gibt. Wir hatten in Moskau viele Geschäfte gehabt, die in Kellern gelegen waren. Ich konnte mir lange nicht vorstellen, daß das in Berlin eine U-Bahn sein sollte, es war so dreckig und so erbärmlich Es war ein richtiger Schock.
W.L. : Den Schock mit der Moskauer und der Berliner U-Bahn habe ich 1945 auch erlebt. Und jetzt kommt also der Beginn Deines Lebens in
Ost-Berlin.
Sch. : Wir wohnten in einer eingerichteten Wohnung, einer Drei-Zimmer-Wohnung in Lichtenberg, voll mit Möbeln. Wie es hieß, stammten die Möbel von ehemaligen Nazis und seien deswegen enteignet. Später hat sich herausgestellt, daß das nicht stimmt. Das war auch ein wichtiges Ereignis in meinem Bewußtsein.
Jahre später, 1948/49, kamen die "Nazis" wieder und holten ihre Möbel ab. Die Möbel, die sie nicht brauchten oder über die mein Vater eine Vereinbarung getroffen hatte, haben wir dann bezahlt. Die Möbel waren praktisch gestohlen gewesen.
W.L. : Waren das nun wirklich Nazis?
Sch. : Es ist klar, daß es keine Nazis waren, wenn sie die Möbel wieder abholen konnten. Außerdem haben wir einige bezahlt. Ich weiß noch, den Tisch und die Stühle haben wir behalten und sie sind auch von uns bezahlt worden. Das war Willkür. Das ist mir erst später bewußt geworden, nicht schon während dieser Möbelaktion. Mir war das ganze nicht klar: Warum bekommen die Nazis ihre Möbel wieder? Für mich war das wie die Auferstehung des Faschismus, als ob die Nazis sich wieder durchsetzten. Das waren meine Gedanken damals. Aber Jahre später bekam ich mit, daß es keine Nazis waren, daß wir gestohlene Möbel in unserer Wohnung hatten.
Nich weit von uns war eine großer Park, der war jetzt ein Autofriedhof, mit tausenden von kaputten Autos, für uns ein spannender Spielplatz. Trümmer gab es in der Umgebung nicht, außer ein Haus uns gegenüber. Auch in diese Trümmerhaus haben wir gespielt.
W.L. : Und jetzt noch zur ersten Zeit in Ost-Berlin. Gingst Du gleich in die Schule, wußtest Du, was Dein Vater tat? Was hast Du, 1946 in der Sowjetzone Ost-Berlins noch miterlebt?
Sch. : Wir sind im Juni nach Berlin gekommen. Es ging um den Aufbau eines normalen Lebens. Und es funktionierte: Eine Wohnung war vorhanden, mein Vater hatte ein Auto, zur Arbeit sind meine Eltern immer mit dem Auto gefahren. Wir hatten genug zu essen, auch das Pajok-System funktionierte. Das heißt, daß Funktionäre regelmäßig jede Woche größere Pakete, Freßpakete mit Lebensmitteln, Zigaretten, Getränken erhielten. Dieses System funktionierte auch in Ost-Berlin und damit waren Brot und Butter, andere Lebensmittel wie Nudeln und so weiter gesichert, zwar in Maßen, aber gesichert.
W.L. : Dir ging es doch in Ost-Berlin mit der Ernährung besser als in Moskau oder?
Sch. : Das werde ich nicht sagen. Einiges war für mich psychologisch in Moskau besser, dort bekamen wir zum Beispiel Lebertran und Vitamin-C-Tabletten. Meine Mutter hatte noch sehr viele Vitamin-C-Tabletten mitgenommen. Als sie zu Ende gingen, wurde ich krank. Innerlich hatte ich nie das Gefühl, in Ost-Berlin besser ernährt zu werden.
W.L. : Du hast den ganzen Sommer 1946 in Berlin verbracht, ehe Du im September 1946 eingeschult wurdest. Erinnerst Du Dich an den berühmten Sommer 1946? Noch an irgendetwas?
Sch. : An nichts außer der U-Bahn.
W.L. : Dann fangen wir gleich mit der Einschulung in die russische Schule in Berlin an.
Sch. : Ich bin die erste bis vierte Klasse mit den Kindern der sowjetischen Offiziere in die sowjetische Besatzungsschule gegangen. Das war für mich eine normale sowjetische Schule, eine logische Fortsetzung. Die deutschen Schulen haben nicht richtig funktioniert, waren faschistisch oder waren nicht in Ordnung. Außerdem konnte ich ja nicht richtig deutsch, aber das war nicht das Problem. Es gab keine richtigen Lehrer. Die alten Lehrer waren Nazis, die jungen hatten noch keine Ahnung.
Somit war es folgerichtig, daß man in eine Schule ging, wo alles ordentlich funktionierte. Das war die sowjetische Besatzungsschule. Sie lief nach guten Lehrplänen und hatte auch gute Lehrer. Die Lehrer waren dort mit Abstand besser als in Moskau. Ich will das nicht verallgemeinern, ich sage nur, wie ich selbst das erlebte. Mit den Lehrern in der Schule gab es keine Probleme, wir hatten normalen Unterricht, hatten Schulbücher, Hefte, wurden ordentlich geimpft. Wir hatten eine Schuluniform. In Moskau hatten wir keine Uniform gehabt, wir gingen dort mit unseren eigenen Kleidern zur Schule. In Berlin war die Schule nach Jungen und Mädchen getrennt, jedenfalls in den ersten zwei Jahren.
W.L. : Die Schule für die Kinder sowjetischer Besatzungsoffiziere - war die Berlin-Karlshorst, wo die Mehrzahl der sowjetischen Besatzungskinder herkamen oder war sie irgendwo anders in Berlin?
Sch. : Die zweite Klasse war in Wendenschloß, das ist nicht in Karlshorst gewesen. Da wohnten nicht nur wir, sondern auch andere, auch sowjetische Kinder, nicht nur in Karlshorst.
Die Masse wohnte aber in Karlshorst. Bei uns fuhr eine Straßenbahn durch die Stadt und sammelte die Kinder ein. Das war unsere Straßenbahn mit deutschen Schaffnern und einem deutschen Fahrer. Wir waren die Herren. Es waren ja Deutsche, die anderen, die Verlierer, und wir waren die Besatzer. Ich kann mich auch noch erinnern, wie die Schaffner und die Fahrer vor uns Angst hatten. Wir klingelten dauernd -damals gab es noch Strippen zum Klingeln in der Straßenbahn-, bis die Klingelstrippen abmontiert wurden. Wir haben die ganze Zeit nur geklingelt. Einmal haben wir so getobt, daß die Straßenbahn aus den Schienen sprang. Daran kann ich mich erinnern. Wir führten uns auf wie Besatzer.
W.L. : Wo war das Wendenschloß
Sch. : Das ist in Zehlendorf, am Stadtrand von Berlin. Die dritte und vierte Klasse waren dann in Karlshorst, dort, wo in der DDR die Hochschule für Ökonomie ihre Gebäude hatte.
W.L. : Erinnerst Du Dich, an die drei Jahre in der sowjetischen Schule in Berlin, welche Fächer haben Dir Spaß gemacht, was Dich hat Dich interessiert hat, was weniger?
Sch. : Wir hatten die normalen ordentlichen, sowjetischen Schulpläne, mit gedruckten, ordentlichen Lehrbüchern in russischer Sprache. Wir hatten Mathematik, dann kam später Geschichte dazu, Naturkunde, Geographie.
W.L. : Welche Fächer haben Dir Spaß gemacht?
Sch. : Eigentlich alle. Besonders Spaß machte mir Mathematik. Zum Sprachunterricht hatte ich eine komische Haltung: Ich begriff nicht, wozu man das lernen muß, wo man die eigene Sprache doch schon kann.
W.L. : Erinnerst Du Dich an Literatur?
Sch. : Ja. Der Literaturunterricht lief nach Grammatik und Literatur getrennt ab. Den meisten Spaß machte es eigentlich, wenn Bücher vorgelesen wurden. Es wurden Stunden und Stunden Bücher vorgelesen. Pro Jahr etwa ein oder zwei Bücher.
W.L. : Erinnerst Du Dich an eines der Bücher, die vorgelesen wurden?
Sch. : Welche Bücher nun vorgelesen wurden, welche ich selbst gelesen hatte, über welche wir diskutierten, weiß ich nicht mehr. Aber Gaidar "Timur und seine Truppe" mußte dabeigewesen sein.
W.L. : Eines der berühmtesten sowjetischen Kinderbücher.
Habt Ihr deutsch gelernt, weil dort auch die Kinder sowjetischer Offiziere waren?
Sch. : Nein. Deutsch wurde nicht unterrichtet. Die sowjetischen Besatzungstruppen stellten sich überhaupt nicht auf Deutschland ein. Auch später nicht, nicht psychologisch. Das war, denke ich, ein großer Fehler.
W.L. : Erinnerst Du Dich an einen besonders positiven Lehrer, der Dich beeindruckt hat oder an einen Schüler, mit dem Du zusammen warst?
Sch. : Das Problem bei der Schule war, daß es wenige Schüler gab, die nicht dort zusammenwohnten, die getrennt in der Stadt wohnten und zusammengeholt wurden. In der Klasse kann ich mich an keinen konkret erinnern.
Ein Schüler, das weiß ich noch, saß immer in der Ecke und schlief die ganze Zeit. Er wurde auch in Ruhe gelassen. Wie er hieß, weiß ich nicht.
An einen Mitschüler kann ich mich konkret erinnern. Er war eigentlich kein Rowdie, aber auch kein Feigling. An ihn kann ich mich in folgendem Zusammenhang erinnern:
Mein Bruder und ich hatten immer Schwierigkeiten auf dem Nachhauseweg. Wir liefen meist von der Bushaltestelle bis nach Hause, etwa einen Kilometer weit. Auf der Straße wurden wir oft von anderen Kindern abgefangen und verprügelt. Das wußten wir, deswegen war der Nachhauseweg täglich unangenehm und gefährlich. Die, die uns verprügelten, waren ganz normale Berliner Kinder. Manchmal fuhren zwischen unserer Haltestelle und unserem zu Hause auch Busse und wenn wir einen davon erwischten, hatten wir Glück gehabt, konnten die gefährliche Stelle überfahren. Aber oft fuhren die Busse nicht und wir mußten zu Fuß gehen. Das ganze war ein riesiges Problem. Wenn ich mit meinem Bruder zusammen nach Hause ging, hatten wir es etwas leichter, weil wir zu zweit waren. Das hatte ich einmal in der Klasse erzählt, und der Schüler sagte: "Ich komme mit und schaffe Ordnung!".
Er war in meinem Alter, kleiner als ich, und hat sich ordentlich mit den anderen, die uns angriffen, geprügelt. Von da an wurden wir in Ruhe gelassen.
W.L. : Fühltest Du Dich damals, als Kind, bewußt als Vertreter der sowjetischen Besatzungsmacht und eigentlich ein bißchen besser als die Berliner Kinder?
Sch. : Wir haben in einem normalen Wohnhaus mit einem großen Hof gewohnt, wo es auch viele andere Kinder gab, wir waren nicht die einzigen Kinder dort. Wir waren aber bewußt die Kinder, die in diesem Land etwas Neues aufbauen helfen sollten, wir wußten Bescheid, wußten, wo es langgeht und diskutierten im Hof mit den anderen Kindern. Wir haben ewig diskutiert, uns ewig auseinandergesetzt. Diese Diskussionen liefen also von Kindheit an, auch mit unseren Spielkameraden.
W.L. : Warst Du zu dieser Zeit Junger Pionier, hast Du das Halstuch getragen?
Sch. : Ja, mit Stolz getragen.
W.L. : Du warst insgesamt drei Jahre in der sowjetischen Schule?
Sch. : Ein Jahr in Moskau und drei Jahre in Berlin in der sowjetischen Schule.
W.L. : Von wann stammt Deine erste politische Erinnerung? Zu jener Zeit gab es, nur um zu erinnern, die Gründung der SED 1946. Die hast Du nicht erlebt, da warst Du noch in Moskau. Dann gab es die Bodenreform, die Schulreform, dann gab es, beginnend 1948, die Blockade. Was hast Du von diesen Ereignissen mitbekommen oder warst Du noch zu jung: Bei der Berliner Blockade warst Du zehn Jahre alt.
Sch. : Von den Ereignissen in unserer bewußten Tätigkeit, der Boden- oder Schulreform, die nicht unmittelbar für uns zu spüren waren? Wir lebten in der Stadt, da gab es keine Bauern. Die Schulreform betraf mein konkretes Leben nicht, weil ich in eine andere Schule ging, wo die Reform nicht zu spüren war. Ich habe nur das Problem des Religionsunterrichts mitbekommen, der zu meiner Zeit, 1949, zu Beginn der Schule oder am Ende stattfinden durfte. Das hat dann gewechselt. Früher durfte eine Stunde dazwischenliegen. Das war möglicherweise ein Element der Schulreform. Die politischen Sachen habe ich nicht bewußt miterlebt, Ich habe mich darauf verlassen, daß das andere tun, zum Beispiel meine Eltern. Ich habe nur Ereignisse aufgenommen, die mich unmittelbar betrafen.
Die Blockade und die amerikanische Luftbrücke habe ich bewußt miterlebt. Besonders durch die vielen Flugzeuge - alle anderthalb Minuten kam ein Flugzeug. Selbstverständlich wurde das zu Hause erklärt und selbstverständlich war das für mich eine Provokation, was da in Berlin passierte.
Weiter wurde uns das übliche erklärt, beispielsweise mit der Währungsreform. Wie hatten ja noch das alte Hitlerkleingeld.
W.L. : War Dir die Teilung der Stadt bewußt? Du lebtest in Lichtenberg, im Herzen des Sowjetsektors. Bist Du einmal allein oder mit Deinem Vater in die Westsektoren gefahren?
Sch. : Die Teilung als etwas Bewußtes, worunter ich litt, spürte ich natürlich nicht, weil ich Berlin nicht als Berliner erlebte, sondern als einer, der von außen kam. Als einer, der dort Ordnung schaffen wollte, sich jedenfalls darauf vorbereitete. Für uns war West-Berlin nicht an und für sich verboten, aber meine Mutter hatte sofort, zwischen Juni und September, alle Verwandten aufgesucht. Meine Mutter hatte ja sieben Geschwister.
W.L. : Juni und September 1946, das muß also vorher in den Text.
Sch. : Alle Geschwister meiner Mutter waren Berliner, wir haben sie besucht. Einige lebten in West-Berlin. Berlin wurde an sich als eine Stadt betrachtet.
Ich weiß auch, daß meine Eltern später nicht mehr nach West-Berlin durften, aber mein Vater war ein Invalide. Er war sehr schwerhörig und auch sehr kurzsichtig, hatte kranke Augen - sein Augenarzt war ein West-Berliner. Das hatte sich zunächst nach dem Krieg so ergeben. Berlin wurde also nicht als eine halbierte Stadt oder als geteilt betrachtet - die Verwaltungen waren nun einmal aufgeteilt: Aber in einer Stadt. Deswegen waren wir nach 1945 häufiger in Westberlin.
Als es nach der Blockade mit der Trennung schlimmer wurde, bin ich nach West-Berlin losgeschickt worden, Medikamente für meinen Vater aus der Apotheke zu holen. Dann sind wir als Kinder nach West-Berlin gefahren, haben Fahrgeld in Westgeld bekommen und haben die Rezepte, die der Arzt ausgestellt hatte, in der Apotheke abgeholt. Aber es hieß, an sich dürften wir nicht nach West-Berlin. Deswegen habe ich West-Berlin als Kind nicht so sehr in meinem Erlebnisbereich.